Heinrich Zille Statuette von Prof. Kraus

Heinrich Zille Statuette von Prof. Kraus
um 1900

Bronzeguss

Die Bronze-Statuette zeigt Heinrich Zille und wurde von dem Bildhauer August Kraus angefertigt. Sie entstand nicht als offizielles Denkmal, sondern im Umfeld persönlicher künstlerischer Beziehungen.

In einem Brief aus dem Jahr 1911 bittet Zille Kraus, die Statuette abholen zu lassen, und äußert sich zugleich selbstironisch über ihre Verkaufschancen.

Am 14. November 1911 schrieb Heinrich Zille:

Lieber Kraus!

Wenn Sie die Statuette wollen holen lassen, wäre es mir schon Recht, ich kann nicht raus, habe recht schlechtes Kopfreißen, das kann noch lange dauern.

Bin einmal ganz flüchtig in der Ausstellung gewesen, habe noch nichts können ansehen, traf immer wieder Bekannte. Aber ich glaube, diesmal verkaufe ich nichts, da die Bilder an der Wand dem Beschauer durch die Kästen zu weit weg sind.

Haben Sie nicht reiche gute Leute für arme schlechte Bilder, damit ich nicht so viel Rahmensammlungen bekomme!

Daß es Ihnen allen gut geht, freut mich, außer mir ists bei uns auch so. Der Hans hat sein zweites Examen gemacht und will diesen Monat Hochzeit machen, ich kann nicht hinfahren.

Wenn ich mal irgend kann, bin ich bei Ihnen draußen, bis dahin die besten Grüße von uns Ihnen allen

Ihr H. Zille.

Überliefert ist zudem, dass Zille versuchte, sowohl die Statuette als auch einen von Kraus gefertigten kleinen Kopf möglichst in Massen zu verkaufen, allerdings mit begrenztem Erfolg.

Die Statuette steht damit weniger für Selbstverherrlichung als für Zilles nüchternen, oft humorvollen Umgang mit Kunst, Freundschaft und wirtschaftlicher Realität.

Bronze Statuette

The bronze statuette depicts Heinrich Zille and was created by the sculptor August Kraus. It was not conceived as an official monument, but emerged from a context of personal and artistic friendship.

In a letter written in 1911, Zille asks Kraus to have the statuette collected and comments with characteristic self-irony on its chances of being sold. On 14 November 1911, he wrote:

Dear Kraus,

If you would like to have the statuette collected, that would suit me well. I cannot go out, as I am suffering from quite severe headaches, and this may last for some time.

I briefly visited the exhibition once, but did not really manage to look at anything, as I kept running into acquaintances. In any case, I believe I will sell nothing this time, as the pictures on the wall are too far away from the viewer because of the display cases.

Do you not know any wealthy, good people for poor, bad pictures, so that I do not end up with so many framed leftovers.

I am pleased that you are all well; apart from me, things are the same with us. Hans has passed his second examination and intends to marry this month – I cannot attend.

If I am able to do so at some point, I will come out to see you; until then, best regards from all of us to you all.

Yours,

H. Zille

It is also documented that Zille attempted to sell both the statuette and a small sculpted head made by Kraus in larger numbers, though with limited success.

The statuette thus represents less an act of self-commemoration than Zille’s sober, often humorous engagement with art, friendship, and economic reality.

Rodeln auf der Jungfernbrücke

Um 1911 / 1912

schwarze Kreide und Aquarell

Die Jungfernbrücke im Herzen Berlins ist die älteste erhaltene Brücke der Stadt. Ihre markante Konstruktion mit Eisenpfeilern, Ketten und den geschwungenen Mechaniken zum Anheben der Brückenteile prägt das Stadtbild bis heute.

In seiner winterlichen Darstellung richtet Heinrich Zille den Blick jedoch weniger auf das Bauwerk selbst als auf das Leben um die Brücke. Eine Jahreszeit, die meist mit Kälte und Dunkelheit verbunden ist, wird hier zum Raum für Bewegung und Freude. Die geneigte Brückenrampe zur Straße hin bietet Kindern und Erwachsenen Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen und Schlittenfahren – der öffentliche Raum wird zum Ort gemeinsamer Muße.

Zille verbindet dabei große Detailgenauigkeit in der Darstellung der Brücke mit einem sozialen Blick auf den Alltag der Berliner Arbeiterklasse, einschließlich ihrer Momente von Freizeit und Vergnügen. Architektur, Stadtleben und menschliche Nähe greifen ineinander.

In einem Brief aus dem Jahr 1911 beschreibt Zille selbst die Bedeutung dieses Motivs:

„Habe ein großes färb. Blatt im Winter von der Jungfernbrücke mit Kindern gezeichnet; es kommt zu Weihnachten in den Weltspiegel und auf die Secession (Winter). Denke, daß es mit das Beste von mir ist.“

(Heinrich Zille an Walther Steffen, 08.05.1911)

Die Darstellung der Jungfernbrücke im Winter zeigt Zille als genauen Beobachter seiner Stadt – und als Künstler, der auch im rauen Berliner Alltag Räume für Freude, Gemeinschaft und Spiel sichtbar macht.

The Jungfernbrücke, located in the heart of Berlin, is the city’s oldest surviving bridge. Its distinctive construction – with iron pillars, chains, and the curved mechanisms once used to raise the bridge segments – continues to shape the cityscape today.

In his winter depiction, Heinrich Zille focuses less on the bridge as an architectural landmark and more on the life unfolding around it. A season usually associated with cold and darkness becomes a setting for movement and joy. The sloping ramp of the bridge offered children and adults alike opportunities for sledding and skating, turning the public space into a place of shared leisure.

Zille combines precise architectural detail with his characteristic social perspective on everyday life in Berlin, including moments of recreation and lightness within the working-class milieu. Urban structure and human presence are closely intertwined.

In a letter written in 1911, Zille himself reflects on the importance of this motif:

“I have drawn a large coloured winter sheet of the Jungfernbrücke with children; it will appear at Christmas in Weltspiegel and at the Secession (Winter). I believe it is among my best works.”

(Heinrich Zille to Walther Steffen, 8 May 1911)

The winter view of the Jungfernbrücke presents Zille as a close observer of his city and as an artist who reveals spaces of joy, play, and community even within the harsher conditions of urban life.

Zeitungskinder

1923

Pastellzeichnung

Das Motiv der Zeitungskinder gehört zu den bekanntesten Darstellungen im Werk von Heinrich Zille. Ausgangspunkt war eine Federzeichnung, die um 1906 entstand und in der Folge mehrfach in druckgrafische Verfahren übertragen wurde. Von ihr existieren mindestens zwei unterschiedliche Heliogravüre-Platten, die Zille selbst signierte, vervielfältigte und über Jahre hinweg in Umlauf brachte. Bereits 1907 wurde das Motiv im Simplicissimus veröffentlicht, später fand es eine besonders prominente Verwendung als Titelvignette und ganzseitige Abbildung in Zilles erfolgreichstem Buch Kinder der Straße.

Die wiederholte Reproduktion, die Verwendung in Ausstellungen, Verlagsprogrammen und Büchern sowie die vergleichsweise hohe Auflage machten Zeitungskinder zu einem Bild, das weit über den ursprünglichen zeichnerischen Entwurf hinaus wirkte. Seine Bekanntheit verdankt das Blatt weniger einer aufwendigen Ausführung als der präzisen Beobachtung eines alltäglichen Straßenmotivs: arbeitende Kinder, beiläufig, selbstständig, Teil des städtischen Lebens. Gerade diese Kombination aus scheinbarer Einfachheit, sozialer Treffsicherheit und humorvoller Zuspitzung erklärt, warum das Motiv immer wieder aufgegriffen, neu gedruckt und verbreitet wurde und bis heute als Schlüsselbild für Zilles Blick auf das Berliner Großstadtleben gilt.

Newspaper Children

The motif of Newspaper Children is among the most well-known representations in the work of Heinrich Zille. It originated in a pen-and-ink drawing created around 1906, which was subsequently transferred into printmaking processes several times. At least two different heliogravure plates are known to exist; Zille himself signed, reproduced, and circulated prints from both over many years. As early as 1907, the motif was published in Simplicissimus, and it later gained particular prominence as a title vignette and full-page illustration in Zille’s most successful book, Children of the Street.

Repeated reproduction, inclusion in exhibitions, publishing programs, and books, as well as its relatively high print run, allowed Newspaper Children to extend far beyond its original drawn form. The work owes its lasting impact not to elaborate execution, but to Zille’s precise observation of an everyday street scene: working children, casual and self-reliant, embedded in the rhythms of urban life. This combination of apparent simplicity, social acuity, and subtle humor explains why the motif was repeatedly revisited, reprinted, and widely disseminated – and why it continues to be regarded as a key image of Zille’s view of life in Berlin at the beginning of the twentieth century.

Zur Mutter Erde

Zur Mutter Erde Heinrich Zille
1905

Heliogravüre

Das Werk ist Teil der 1905 erschienenen Serie „Das dunkle Berlin“.​

Die Darstellung zeigt eine Straßenszene aus der proletarischen Gegend Berlins. Die hohe Sterblichkeit, insbesondere bei Kindern, spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen wider, die von Abstumpftheit und Gleichgültigkeit geprägt sind. „Besauft euch nicht! Und bringt den Sarg wieder. Die Müllerin ihre Möbelierte braucht’n morjen ooch.“ – So lautet der Spruch unter der Grafik. Hier leider durch das Passepartout verdeckt.

„Zur Mutter Erde“ erschien in einer Auflage von 100 Exemplaren, von denen eines ein besonderes Detail aufweist: eine kleine Krone auf dem Kindersarg. Diese Totenkronen, die Zille nachträglich hinzufügte, verstärkt die Ironie der Szene. Denn wenn das Geld nicht einmal für den Sarg des eigenen Kindes reicht, warum sollte es dann für eine Totenkronen ausreichen? Auf sarkastisch-makabre Weise drückt sie jedoch auch einen kurzen Trost aus: Zwar gehört man im Leben nicht zu den „Siegern“, aber immerhin im Tod. Die auf dem Sarg prangende Krone bezeugt dies für alle Umstehenden und die Betrachtenden.

Beschriftung unten (hier teilweise durch das Passepartout verdeckt):

„Besauft euch nicht! Und bringt den Sarj wieda. De Müllern ihre Möblierte braucht’n morjen ooch.“

— Heinrich Zille, 1905

Heliogravüre in Berliner Leiste

Handcoloriert von Heinrich Zille

Leihgabe Bernhard Horstkott

To Mother Earth

This work is part of the series The Dark Berlin, published in 1905. It depicts a street scene from a proletarian area of Berlin, marked by poverty and social hardship. The high mortality rate, particularly among children, is reflected in the faces of the figures, which appear hardened, weary, and marked by resignation.

The caption originally printed beneath the image reads:

“Do not get drunk! And bring the coffin back. The miller’s furnished room needs it again tomorrow.”

In this presentation, the text is unfortunately partially concealed by the mat.

To Mother Earth was produced in an edition of 100 copies. One print features a striking detail: a small crown placed on the child’s coffin. These funeral crowns, which Heinrich Zille added by hand, intensify the scene’s bitter irony. If there is not enough money even for a coffin for one’s own child, how could there be money for a funeral crown?

At the same time, the crown introduces a grimly ironic form of consolation. Those who did not belong to the “winners” in life may at least be granted a symbolic dignity in death. The crown on the coffin testifies to this fleeting recognition, visible to both the mourners and the viewer.

Inscription below (partially concealed by the mat):

“Do not get drunk! And bring the coffin back. The miller’s furnished room needs it again tomorrow.”

— Heinrich Zille, 1905

Heliogravure in Berlin-style frame

Hand-coloured by Heinrich Zille

On loan from Bernhard Horstkott